(Berlin) Rund 1.000 Milchviehhalter und Gäste aus ganz Deutschland trafen sich zum traditionellen Symposium und zur anschließenden 20-Jahr-Feier des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter BDM e.V. am ersten Samstag der Grünen Woche in Berlin. „Milchmarktpolitik 2018: Mut zur Veränderung?“ lautete die übergeordnete Fragestellung des Symposiums, die in zwei Panels näher konkretisiert
wurde.
BDM-Symposium, Journalistenpreis und 20-Jahr-Feier mit interessanten Gästen und Preisträgern


Fotos: PP Weiler – berlin-event-foto.de
Das erste Panel beschäftigte sich mit dem Thema „Branchenorganisation – Selbsthilfe oder Selbstbetrug?“. Wie unterschiedlich die Vorstellungen zur Ausgestaltung einer möglichen Branchenorganisation sind, wurde bereits in den kurzen Impulsreferaten der geladenen Referenten und Talkgäste deutlich.
Zunächst stellte Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch in der Schweiz, in einem kurzen Impulsreferat die Grundzüge der Zusammensetzung, Organisation und die Aufgaben der Branchenorganisation in der Schweiz vor, die nach dem dortigen Quotenwegfall 2009 installiert wurde und alle Wertschöpfungsstufen umfasst.
Der politische Druck habe nach chaotischen Verhältnissen aufgrund der neuen Freiheit nach der Quotenabschaffung dazu geführt, dass man eine Branchenorganisation zur Stärkung der Wirtschaftlichkeit der Milchwirtschaft gegründet habe. Auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner habe man gemeinsame Regeln geschaffen, so Kohler. Die wichtigsten seien die Segmentierung der Preise und die Festlegung von Richtpreisen für alle. Weitere Aufgaben seien eine Mehrwertstrategie Milch, die Funktion als Plattform und die Einmischung in die Agrarpolitik sowie ab 2019 auch der Einsatz von Ausfuhrbeihilfen. Mit der Segmentierung in A-, B- und C-Milch verfolge man das Ziel, Märkte mit hoher Wertschöpfung frei zu halten vom Preisdruck von Überschussmilch, die eher für wertschöpfungsschwache Exportmärkte gedacht sei. Ausdrücklich kein Aufgabengebiet der Branchenorganisation seien Werbung und Marketing, eine Mengensteuerung oder das tatsächliche Durchsetzen der beschlossenen Richtpreise. Auch der Milchhandel sei Sache der Mitglieder, betonte Kohler.
Thomas Stürtz, der in seiner Funktion als Vorsitzender der neu gegründeten Interessengemeinschaft Genossenschaftliche Milchwirtschaft IGM eingeladen worden war, erläuterte kurz die möglichen Aufgaben und Ziele der IGM, aber auch ihre Grenzen. Die politischen Diskussionen in der vergangenen Milchkrise und der Wunsch von Bundesminister Schmidt nach einer Branchenlösung hätten dazu geführt, dass mit der IGM im Frühjahr 2017 eine Plattform für das Ehrenamt in Genossenschaften gegründet worden sei. Insgesamt sieben Genossenschaftsmolkereien mit ca. 50% der deutschen Milchmenge (DMK, Arla, Hochwald, FrieslandCampina, Ammerland, BMI und Uelzena) würden so ein eigenes Sprachrohr bilden, so Stürtz. Die Geschäftsführung liege beim Deutschen Raiffeisenverband. Ziele seien die Abstimmung gemeinsamer Positionen zu Milchthemen, wie z.B. Tierwohlthemen, Milchpreisabsicherung, Lieferbeziehungen und die Kommunikation von Marktsignalen, außerdem die Entwicklung strategischer Empfehlungen und die Positionierung der Molkereigenossenschaften gegenüber Verbänden, Bundesministerium und Bundeskartellamt. Stürtz wies auf die eingeschränkten Möglichkeiten einer Branchenorganisation hin und auch darauf, dass in Deutschland u.a. mit den Landesvereinigungen oder der QM-Milch bereits vielfältige Institutionen existierten, die bereits zusammenarbeiteten. Die IG Milch habe die Weiterentwicklung zu einer Branchenvereinigung nach EU-Recht intensiv geprüft. Für eine denkbare Marktsteuerung im Krisenfall komme die Branchenvereinigung aber auf jeden Fall nicht in Betracht, da Mengen und Preise nicht gestaltet werden dürften. Das müsse man so akzeptieren, erklärte Stürtz.


In der anschließenden Diskussion mit den Milchviehhaltern auf dem Podium, Frank Lenz und Ursula Trede, wurden noch einmal die Grenzen der bereits bestehenden Branchenorganisationen deutlich. Kohler räumte ein, dass die Segmentierung des Milchpreises zu einer Glättung möglicher Preisspitzen wie Preistäler führe und dass es sich dabei lediglich um den kleinsten gemeinsamen Nenner, und bei der BO Milch nicht um eine Gewerkschaft der Milchviehhalter handle. Thomas Stürtz wies insbesondere auf die engen Grenzen hin, die das Bundeskartellamt hinsichtlich möglicher Preis- oder Mengenabsprachen zulasse.




BDM-Vorsitzender Romuald Schaber zog schließlich ein kurzes Fazit zu den Panels. „Wenn Branchenorganisationen ein Teil zur Selbsthilfe statt Selbstbetrug sein sollen, dann muss in erster Linie die Position der Bauern verbessert werden“, resümierte Schaber das erste Panel. Dafür brauche es auch politische Entscheidungen, damit die Bauern auf Augenhöhe verhandeln können. An die Adresse des politischen Panels gewandt hob Schaber angesichts einbrechender Notierungen die Notwendigkeit eines kurzfristigen Handelns hervor. Die Frage sei schon, ob man ein erfolgreiches Programm wie das Mengenreduktionsprogramm, bei dem es keinen Verlierer, sondern nur Gewinner gegeben habe, nicht wiederholen solle. Gleichzeitig müssten die immer noch bestehenden Pulverbestände jetzt marktunschädlich abgebaut werden – aber nicht um noch einmal gewaltige Mengen einzulagern. Schabers Appell zum Schluss: „Mit geeigneten Marktrahmenbedingungen kann man gewaltige Markteffekte erreichen. Handeln Sie, die Konzepte liegen auf dem Tisch!“
Mit der Verleihung des Journalistenpreises „Faire Milch“ fand das Symposium des BDM schließlich einen runden Abschluss. Michael Braun, Mitglied im BDM-Bundesbeirat und Marketingleiter der Fairen Milch, und BDM-Vorstand Romuald Schaber ehrten die Preisträger für ihre Beiträge, die sich in besonders gelungener Weise mit dem Milchmarkt und den Milchviehhaltern beschäftigt hatten. Dazu mehr direkt im Beitrag zum Journalistenpreis (s.u.).


