SH: Stellungnahme zur Anfrage des Umwelt- und Agrarausschuss des Schleswig-Holsteinischen Landtages zum Thema Wolf

Foto: paukereks / pixelio.de
Ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen in Schleswig-Holstein ist Grünland. Ein großer Teil davon wird von Milchviehhaltern bewirtschaftet, je nach Region auch zu einem wesentlichen Teil in Form von Weidehaltung. Der steigende wirtschaftliche Druck auf die Betriebe hat allerdings dazu geführt, dass die Intensivierung der Milchviehhaltung immer weiter fortschreitet und hohe Leistungen der Kühe oft nicht mehr mit Weidehaltung erreicht werden können.

Im Stall ist sowohl die Versorgung der Kühe als auch die Aufsicht über die Tiere leichter zu kontrollieren. Dies gilt in zunehmendem Maße auch für die Jungrinder und trockenstehenden Kühe, die bisher gerade auf Dauergrünlandflächen oft noch zur Aufzucht auf der Weide gehalten wurden. Der zusätzliche Arbeitsaufwand für das Management der Tiere auf der Weide, das Heranholen der Kühe zum Melken und die Pflege und Wartung der Zaunanlagen führten ebenfalls häufig zu einem Rückgang der Weidehaltung.

Seit einigen Jahren erfährt die Weidehaltung von Milchkühen allerdings neue Aufmerksamkeit als gesellschaftlich hoch geschätztes Verfahren Milch und Fleisch zu erzeugen. Verschiedene Studien (z.B. „Systemanalyse Milch“ – Verbundprojekt zur Weiterentwicklung der Weidehaltung in Niedersachsen 2018) geben darüber Aufschluss, dass Weidebetriebe in der Regel zwar geringere Milchleistungen erbringen, dafür aber unter bestimmten Voraussetzungen Vorteile in den Bereichen Tierwohl und Naturschutz sowie Klimaschutz erbringen können und von der Gesellschaft eine hohe Akzeptanz erfahren.

Daraus hat sich an verschiedenen Stellen die Erkenntnis entwickelt, dass Weidehaltung von Milchvieh und Jungtieren in Schleswig-Holstein nicht nur eine Zukunft haben muss, sondern auch weiter ausgebaut werden sollte. Das gemeinsame fachliche Interesse hat in unserem Bundesland einen außerordentlich positiven Prozess in Gang gebracht, an dem sich auf den verschiedenen Ebenen mittlerweile Landwirte, Molkereien, Wissenschaft, Beratung, Politik, Tierschutz und Naturschutz beteiligen. Ziel aller Beteiligten ist es, nicht nur die noch vorhandene Weidehaltung zu erhalten, sondern in Zukunft noch mehr Milchviehhalter dafür zu gewinnen, ihre Kühe und Rinder weiden zu lassen.

Dieser Prozess erfährt nun einen gravierenden Rückschlag. Nachdem zunächst nur Schafhalter von Rissen durch Wölfe betroffen waren, gibt es nun wie in anderen Ländern auch in Schleswig-Holstein Meldungen von gerissenen Kälbern. Besonders relevant für die Tierhalter ist die Lernfähigkeit der Wölfe mit der Folge, dass zunächst in anderen Bundesländern und nun offenbar auch ganz aktuell in Schleswig-Holstein in vorbildlich geschützten Herden Risse in Schafherden verzeichnet werden mussten. Es ist nachvollziehbar, dass dies zu hoher Frustration bei den Tierhaltern führt. Betroffene ziehen bereits in Erwägung, die Weidehaltung einzustellen.

Leider ist in der Vergangenheit oft der Eindruck entstanden, es ginge den betroffenen Tierhaltern vor allem um die Entschädigung gerissener Tiere. Für Weidehalter ist aber auch die Gefahr entscheidend, die von einer Herde gehetzter Tiere ausgeht. Eine Rinderherde, die sich aufgrund einer Hetze durch Wölfe in Panik befindet, läuft Gefahr, jede Art von Weidezaun zu durchbrechen. Die Folgen in Bezug auf Schäden an Zäunen, Fahrzeugen und Personen und auch den sich daraus ergebenden Haftungsfragen können enorm sein. Welcher Milchviehhalter wird sich angesichts dieser steigenden Risiken in Zukunft zugunsten der Weidehaltung entscheiden? Derartige Ereignisse werden immer mehr Rinderhalter endgültig dazu bewegen, ihre Tiere im „sicheren“ Stall zu lassen, denn eine Herde mit solchen Erfahrungen ist häufig auf der Weide nicht mehr hütefähig.

Für Milchviehhalter mit Weidegang stellt sich zudem die Frage, welche Art von Zäunen eingesetzt werden müssten, um nicht nur erwachsene Kühe, sondern wie bisher Kälber, Jungtiere und kalbende Kühe vor Übergriffen von einzelnen durchziehenden Wölfen oder später auch Rudeln zuverlässig zu schützen. Dies gilt nicht nur für die Weiden, sondern  auch für die modernen offenen Stallanlagen. Werden in Zukunft Offenställe für Kühe und vor allem für Kälber wieder vollständig geschlossen werden müssen oder werden Milchviehhalter ganze Gehöfte durch wolfsichere Zaun- und Toranlagen sichern müssen?

Wie realistisch ist es anzunehmen, dass sich zukünftig Milchviehhalter bereit erklären, ihre Tiere weiterhin weiden zu lassen, wenn sie während der ganzen Vegetationsperiode viele Kilometer lange wolfssichere Zaunanlagen von Bewuchs durch Gras und Knicks freihalten müssen? In der Diskussion um die schleswig-holsteinische Knickverordnung gab es große Einigkeit über den Nutzen der Beweidung von Grünland entlang der Knicks. Das Rind sorgt dafür, dass der Bewuchs unter dem Zaun, also am Knicksaum, permanent kurz gehalten wird. So kann auf das mehrmalige Mähen dieses für den Naturschutz so wertvollen Bereichs verzichtet werden. Um seine Herden wolfsicher einzuzäunen, muss der Rinderhalter festes Zaunwerk mit Drähten anstatt Litzen verwenden. Diese müssen einen ausreichenden Abstand zum Knick aufweisen, um das Einspringen der Wölfe zu verhindern.
Die verbleibenden Grünstreifen zwischen den Knicks und den Zäunen werden dann mehrmals im Jahr gemäht werden müssen – mit all den zuvor vom Naturschutz angeführten Nachteilen – zum Schutz einiger Wölfe in Schleswig-Holstein. Hinzu kommt die Frage, wie hoch die finanzielle Unterstützung der Milchviehhalter sein müsste, um diesen zusätzlichen Arbeitsaufwand und Nutzungsausfall zu kompensieren, selbst wenn das Material für die Zaunanlagen gestellt wird?

Milchviehhalter, die aus Überzeugung Weidehaltung betreiben, wissen den Wert ihres Grünlandes sehr zu schätzen. Sie reduzieren die Häufigkeit der Mahd auf ihren Futterflächen und schaffen damit eine Vielfalt in der Bewirtschaftung der Grünlandflächen in einer Region. Sie verhindern, dass in kurzer Zeit alle Grünlandflächen in einer Gemarkung gleichzeitig gemäht werden. Weideflächen bieten Chancen für die Biodiversität. Dies gilt besonders auch auf Flächen, die traditionell aufgrund ihrer Lage extensiver durch Jungviehaufzucht genutzt werden. Dies hat der Naturschutz an vielen Orten erkannt und sucht schon längst die Zusammenarbeit mit Weidehaltern. An dieser Stelle ist ganz besonders der teilweise vorbildlich betriebene Wiesenvogelschutz in Schleswig-Holstein zu erwähnen! Gemeinsam wurden von Landesregierung, Naturschützern und Tierhaltern Förderprogramme entwickelt, um die Vorteile der Weidehaltung für Biodiversität, Klimaschutz und Artenvielfalt auf dem Grünland nutzbar zu machen. Hier wird ein eklatanter Zielkonflikt zwischen der möglichst großflächigen Umsetzung unterschiedlicher Naturschutzziele deutlich.

Die Frage, wie mit dem Wolf umzugehen ist, droht nun Landwirte, Anwohner und Naturschützer zu spalten. Das durch engagierte Vertreter aufgebaute Vertrauen zwischen Nutzern und Schützern droht nun innerhalb weniger Monate zu zerbrechen. Tierhalter fühlen sich zu Unrecht angegriffen und verletzt, wenn ihnen vorgeworfen wird, sie seien nicht am Wohl ihrer Tiere interessiert, wenn sie bei Auftreten eines Wolfes nicht bereit seien, umgehend unter enormem Aufwand Schutzzäune zu errichten. Auch die seelische Belastung von Tierhaltern, die Wolfsangriffe in ihren Herden erlebt haben, ist nicht zu unterschätzen. Genauso unsinnig ist es, Naturschützern und Befürwortern des Wolfes vorzuwerfen, sie seien nicht an der Weidehaltung interessiert und ihnen sei das Wohlergehen unserer Schafe und Rinder gleichgültig. Die Art und Weise, wie sich die Debatte um das Thema Wolf zuspitzt, zeigt die große Dringlichkeit für die Landes- und Bundesregierung umgehend zu handeln. Es liegt in ihrer Verantwortung, dass die Auflösung der Zielkonflikte an die Stelle von Frust und Schuldzuweisungen tritt.

Fazit

Die Milchviehhalter im BDM e.V. machen sich für eine Vielfalt der Betriebsformen in der Milchviehhaltung stark. Eine davon ist in Grünlandregionen die Weidehaltung, die nicht nur von vielen Bürgern gewollt ist, sondern auch viele positive Auswirkungen für Biodiversität und Artenvielfalt auf landwirtschaftlichen Nutzflächen hat.

Der BDM e. V. fordert daher:

Das Thema Wolf darf keinen Keil zwischen Naturschützer und Tierhalter treiben. Es muss sachlich darüber diskutiert werden, inwiefern das Land Schleswig-Holstein mit seinen ausgeprägten Grünlandregionen und der damit verbundenen Weidehaltung überhaupt einen geeigneten Lebensraum für Wölfe darstellen kann. Als Land mit dem geringsten Waldanteil im Bundesgebiet, einer hohen Verkoppelung und einem engmaschigen Verkehrs- und Wegenetz sind sowohl die Rückzugsmöglichkeiten für den Wolf begrenzt als auch die Fluchtmöglichkeiten der Rinder. Es muss in Betracht gezogen werden, den Wolf in das Jagdrecht zu überführen mit entsprechender Bestandsregulierung durch Abschussquoten.
Wölfe, die sich Nutztieren zunehmend deutlich annähern, müssen der freien Wildbahn umgehend entnommen werden. Erfahrungen aus anderen Bundesländern zeigen, dass es aufgrund der hohen Lernfähigkeit des Wolfes auch Übergriffe auf vorbildlich geschützte Herden gegeben hat.
Bei erfolgten Rissen ist eine Beweislastumkehr einzuführen. Die dabei entstehenden wirtschaftlichen Verluste und damit verbundenen erhöhten Kosten sind den Geschädigten unbürokratisch und vollständig zu ersetzen.
Der Schutz und Erhalt der landwirtschaftlichen Weide-, Freiland- und Offenstallhaltung ist vor den Wolfsschutz zu stellen. Eine Einzäunung, die sich oftmals über viele Kilometer erstrecken würde, ist vor allem in der Unterhaltung nicht praktikabel und stellt zudem eine Gefahr für gehetzte Tiere da. Sie verhindert überdies den natürlichen Wechsel des Wildes. Der Einsatz von Herdenschutzhunden in Rinderherden ist nicht praktikabel.
Die Diskussion darf sich nicht in Entschädigungszahlungen und Herdenschutzmaßnahmen verzetteln.

Betrachtet man die Bestandsentwicklung der Wölfe in Deutschland in den letzten 15 Jahren, so erkennt man eine deutliche Zunahme der Population. Es ist nicht erkennbar, dass sich dieser Trend abschwächen wird. Die Zahl der Wölfe in Deutschland und auch in Schleswig-Holstein wird weiter schnell steigen. Unabhängig von der Weidehaltung löst die Annäherung der Tiere an bewohnte Gebiete immer mehr Verunsicherung unter den Bewohnern aus. Es ist also nicht die Frage, ob Wölfe entnommen werden sollen, sondern nur wann. Der BDM fordert die Politik auf, vorausschauend zu entscheiden und den Wolf in Schleswig-Holstein rechtzeitig auf ein erträgliches Maß zu begrenzen, ehe die Weidehaltung unserer Schafe und Rinder weiter stark zurückgeht statt sich wie gesellschaftlich gewünscht in Zukunft wieder stärker zu verbreiten.

BDM Landesteam Schleswig-Holstein

Menü